Kirchen bestreiten Versagen in der Corona-Krise

Haben die Kirchen in der Corona-Krise zu wenig getan, um Kranken und Trauernden beizustehen? Die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin Lieberknecht ist dieser Auffassung.

Hannover/Berlin (dpa)

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Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hält die Kritik der ehemaligen thüringischen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht am Agieren der Kirchen in der Corona-Krise für ungerechtfertigt.

«Die pauschale Kritik von Frau Lieberknecht weise ich entschieden zurück», sagte Bedford-Strohm der Deutschen Presse-Agentur.

Für die katholische Seite sagte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, das glatte Gegenteil sei richtig: «Unsere Krankenhausseelsorger haben Unglaubliches geleistet, unsere Palliativbegleiter ebenfalls», versicherte Kopp. «Die Kritik von Frau Lieberknecht ist überhaupt nicht nachvollziehbar.»

Lieberknecht vertritt die Ansicht, dass die Kirchen die Menschen in den vergangenen Wochen allein gelassen haben. «Da wurde kein letzter Psalm gebetet, es gab keinen Trost, keine Aussegnung am Sterbebett», sagte die CDU-Politikerin und frühere evangelische Pastorin im Interview mit der «Welt» (Dienstag). Auch das Schließen der Gotteshäuser sei nicht zwingend erforderlich gewesen. «Die Kirche hat in dieser Zeit Hunderttausende Menschen allein gelassen», kritisierte Lieberknecht. «Kranke, Einsame, Alte, Sterbende.»

Bedford-Strohm warf Lieberknecht vor, damit allen Seelsorgerinnen und Seelsorgern Unrecht zu tun, die sich in den vergangenen Monaten für andere aufgerieben hätten. «Die Kirchen haben unter schwierigsten Bedingungen vielerlei politischer Verbote das ihnen Mögliche getan, um ihren Dienst zu tun und Gottes Wort auszurichten.» Nicht wenige hätten dabei auch persönlich viel riskiert. «Eine solche Schelte von politischer Seite ist daher unangemessen», sagte der Landesbischof.

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Ähnlich äußerte sich der langjährige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, der evangelische Theologe Peter Dabrock. «Ich würde schlicht gerne wissen, woher Frau Lieberknecht weiß, dass die Kirchen «hunderttausende Menschen allein gelassen hat»», sagte Dabrock der dpa. «Bevor man solche, auch in dieser Größenordnung massiven Vorwürfe erhebt, muss man solide belegen, wie man auf diese Größenordnung kommt.»

Er wolle sich gar nicht ausmalen, was los gewesen wäre, wenn ältere Menschen wegen des Besuchs ihres Pastors gestorben wären. «Zudem haben sich unter den schwierigen Bedingungen Pastorinnen und Pastoren sehr engagiert bemüht, über Telefon oder durch Briefe oder andere Medien Menschen zu erreichen.» Es sei deshalb unfair, gegen sie Stimmung zu machen. «Gerade auf der lokalen Ebene ist unglaublich viel gemacht worden», sagte Dabrock.

Foto: Christian Ditsch/epd-Pool/dpa