“Sie haben mehr Blut an ihren Händen als viele wahrhaben wollen.”

Wir begrüßen Anja Müller [der Name wurde geändert, Anm.d.R] hier bei uns zu einem Interview über das Thema Pflege und Arbeit im Hospiz in Zeiten von Corona, vielen Dank dass du heute mit uns sprechen möchtest.

Anja: Hallo an das Team von fimico, hallo Sebastian.

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Wie lange arbeitest du in der Pflege?

Anja: Ich bin seit 2004 gelernte Krankenpflegerin, arbeite aber erst seit 2018 in der Begleitung von Sterbenden.

In welcher Stadt? Oder in welchem Bundesland?

Anja: Berlin, Friedrichshain

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Wie viele Betten hat denn euer Haus?

Anja: ca. 90 Betten

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Hast du das Gefühl ihr seid gut geschult worden über Corona?

Anja: Das Ganze ist neu, es gibt mit solch einer Situation keinerlei Erfahrungen. Die ganze Welt wurde überrumpelt durch dieses Virus. Daraus ergibt sich, dass wir stets neue Informationen bekommen, wie wir uns und die Bewohner schützen können. Jede neue Erkenntnis wird auch an uns herangetragen. Es herrschte beziehungsweise herrscht Unsicherheit, zum Beispiel zu dem Thema welche Masken getragen werden können oder welche Desinfektionsmittel wirksam sind. Nicht jedes Desinfektionsmittel wirkt auch gegen Viren. Das sind nur einige Punkte, bei denen nach wie vor eine große Unsicherheit herrscht.

Heute hängt vor jedem Zimmer ein Kleiderschutz, Handschuhe, qualitatives Desinfektionsmittel und Gesichtsmasken sind von Beginn des Dienstes bis zum Ende zu tragen. Abstand bewahren wir auch in den Pausen, wir alle achten sehr auf Distanz. Auch privat bleiben die meisten daheim und schützen sich und Ihre Angehörigen.

Wir haben eine große Fortbildung, zwecks Hygiene und Infektionsschutz vom Land Berlin machen müssen.

Hast du das Gefühl ihr seid gut ausgerüstet?

Anja: Es gab zu Anfang Engpässe bei den Masken. Zu dieser Zeit gab es dann eine Maske, pro Person pro Tag. Es wurde mittlerweile nachgerüstet. Wir haben nun alles im Haus was wir brauchen.

Wie sieht es mit dem Personalstand aus?

Anja: Der Personalspiegel sei offiziell gedeckt. Dazu zählen aber auch die aktuellen Krankheitsfälle. In unserem Haus sind das momentan fast 30%. Wenn eine Schwester/Betreuer für eine Station zuständig war und erkrankt fehlt, dann muss man nun auf (min.) zwei bis vier Stationen wachsam arbeiten. Viele geraten oft an ihr Limit, Überstunden sind dabei vorprogrammiert.

Hat die Leitung und/oder die Politik auf das Virus reagiert?

Anja: Das Haus wurde sofort mit dem Shutdown geschlossen, alle zwei Tage Meetings über die derzeitige Lage. Das Gesundheitsamt ist voll integriert. Es gibt einen regen Austausch zwischen allen Beteiligten.

Wie sieht es bei deinen Kolleginnen aus? Sind sie ängstlich? Oder nach deinem Gefühl informiert? Oder vielleicht etwas anderes?

Anja: Auch Pfleger haben zum Teil Vorerkrankungen und sind sehr verunsichert. Es laufen auch die Tränen, wenn ein neuer Fall [von Covid-19] im Haus bekannt wird und klar ist, diese Person braucht besonders viel Kontakt. Wir haben das Team nun etwas umverteilt. Ältere Kollegen, bleiben mehr im Dienstzimmer, sie richten zum Beispiel Wägen in diesem Raum. Junge, vitale Kollegen gehen an den Bewohner, in die Zimmer. So versuchen wir das Risiko für die Angestellten zu minimieren.

Ich bin zum Beispiel sehr gesund, mental und körperlich sehr stark, halte mich stets in deren Zimmern auf, begleite Sie, halte die Hand, erzähle Geschichten, höre zu.

Magst du uns etwas zu der Besuchersituation im allgemeinen erzählen? Haben die Angehörigen Angst? Kommen die Bewohner mit der Situation zurecht?

Ich [Sebastian] habe gelesen, dass eine Psychologin gesagt habe, dass ältere Menschen die sich schon lange an „Einsamkeit“ gewöhnen konnten besser damit zurecht kommen, als junge Menschen denen jetzt Körperkontakt und dergleichen von heute auf morgen entzogen wurde – hast du solche Eindrücke gewinnen können?

Anja: Der Shutdown musste sein! Für einige Bewohner ist das ganze schwer zu verstehen, Tageszeitungen haben bei der Verarbeitung geholfen und so konnten wir Bewusstsein für die Situation herstellen.

Die ersten zwei Covid-19 Fälle traten auf, als ein Bewohner wg. einer Lappalie ins Krankenhaus ging und wieder zurück ins Haus gekommen ist. Zwei Tage später starb er einen Erstickungstod. Ab diesem Moment wurde das Haus komplett verriegelt, keiner kam rein, geschweige denn raus.

Es wird nun zweimal überlegt, ob Krankenhausaufenthalte unbedingt notwendig sind. Und wenn ja, dann kam der Bewohner nach Ankunft zurück im Haus direkt in ein Quarantänezimmer, für 14 Tage.

Die Bewohner leiden sehr, da keine Familie, kein Therapeut ins Haus kommt. Tägliche Spaziergänge durch die Parks fallen auch weg. Einige sterben meiner Ansicht nach auch wegen der Isolation, sie gehen einfach ein. Innerhalb von zwei Wochen sind Menschen verstorben, die sonst fit und aktiv waren.

Im Hof stehen manchmal Angehörige und rufen nach Ihren Verwandten, aus dem Haus hört man dann mitunter auch Rufe zurück. Die Bewohner haben aber auch die Möglichkeit, über ein Tablet zu kommunizieren.

Einkäufe der Bewohner, erledigt das Personal. Es werden kleine Präsente über den Zaun gegeben. Neue Bewohner fragen uns oft, wieso das hier wie in einem Gefängnis ist.

Kannst du uns etwas über die allgemeine Situation erzählen? Gibt es Infektionen? Können/konnten diese eingedämmt werden?

Anja: Einfach Fahrlässig. Wir [KollegInnen] kommen ins Haus, desinfizieren uns komplett. Dann tragen wir Handschuhe, Mundschutz usw. Die Berufskleidung wird sofort angezogen.

Vor nicht allzu langer Zeit kommt eine Kollegin, nach einigen Tagen Urlaub zurück zur Arbeit. Dann arbeitet diese Person ohne Mundschutz, ohne Handschuhe. Das habe ich als fahrlässig empfunden und darüber hinaus ist es auch nicht zulässig. Als mir dieser Umstand aufgefallen ist werfe ich im Vorbeilaufen drei Paar Handschuhe auf den Tisch, selbsterklärend wie ich finde. Kurz darauf die erschreckenden Folgen: zehn Covid-19 positiv getestet Bewohner, alle auf einer Station. Die besagte Kollegin ebenfalls positiv, sie ist nun in Quarantäne.

Gibt es noch etwas, was du uns sagen möchtest?

Anja: Wenn ich sehe wie Kollegen ohne Schutzausrüstung aus dem Urlaub kommen und mehr als 9 Pflegeheimbewohner anstecken, von denen viele einen qualvollen Corona- Tod sterben, weil sie die ganze Corona-Sache wegen den Verschwörungstheoretikern nicht so ernst nehmen, komme ich für mich zu dem Schluss, dass Leute wie Ken Jebsen, Atilla Hildmann und Xavier Naidoo mehr Blut an ihren Händen haben als viele wahrhaben wollen.

Vielen Dank dafür, dass du uns einen interessanten Einblick in deine Arbeit in diesen schwierigen Zeiten gegeben hast. Bitte bleib gesund und wir wünschen dir alles Gute für das was da noch kommen mag.

[Das Interview wurde geführt von Sebastian Neumann, fimico]

Bild von truthseeker08 auf Pixabay